Nachrufe auf den Stifter

Am 7. September 2006 verstarb Andreas Meyer-Hanno im Alter von 74 Jahren nach langer Krankheit.

Prof. Dr. Andreas Meyer-Hanno

Foto: Stefan Schlesinger

Das Grab von Andreas Meyer-Hanno auf dem Alten Matthäus-Friedhof in Berlin

Das Grab von Andreas Meyer-Hanno auf dem Alten Matthäus-Friedhof in Berlin

Das Grab von Andreas Meyer-Hanno auf dem Alten Matthäus-Friedhof in Berlin

Fotos: Günter Bihn


Nachruf auf Andreas Meyer-Hanno
von Vorstand und Beirat der hms

Frankfurt am Main, September 2006

Andreas Meyer-Hanno ist tot!

Mit ihm verlieren wir als Vorstand und Beirat der HMS nicht nur einen Wegbegleiter, einen Gefährten, ein Vorbild, einen Freund, sondern vor allem den Stifter der Hannchen Mehrzweck Stiftung.

Hannchen Mehrzweck, dies war der Name, unter dem ihn seine Freunde kannten, unter dem er jahrelang in der Schwulenszene agierte. Hannchen engagierte sich fast überall. Sei es in der Gruppenarbeit, sei es beim Backen eines Kuchens für eine Veranstaltung, sei es in der schwulen Theatergruppe Maintöchter usw. usf. Aus seiner politischen und kulturellen Arbeit erwuchs eine Idee, die ihn für den weiteren Verlauf seines Lebens nicht mehr loslassen sollte: Er wollte dazu beitragen, dass Schwule (und auch Lesben) Projekte initiieren und aus eigener Kraft auf die Beine stellen können. Diese Erfolge sollten der Bewegung Kraft verleihen.

Zuerst engagierte sich Hannchen in der kurz zuvor entstandenen Homosexuellen Selbsthilfe e.V. Nur seiner Hartnäckigkeit und seiner Präsenz ist es zu verdanken, dass dieser Verein einige schwierigen Jahre überwinden konnte und heute mit mehreren hundert Mitgliedern eine wichtige Funktion bei der Unterstützung von schwulen und lesbischen Projekten spielt. Dies war ihm aber nicht genug. Hannchen hat sehr sparsam gelebt. So hatte sich ein kleines Vermögen angesammelt, mit dem er eine Stiftung gründete, um zusätzlich schwule und lesbische Projekte unterstützen zu können. So entstand 1991 die Hannchen Mehrzweck Stiftung!

Als Hannchen die Stiftung gründete, machte er einen sehr mutigen Schritt. Er gab der Stiftung eine Satzung, in der er sich selbst nicht berücksichtigte, in der er keine Funktion hatte. Hierauf machte ihn die Stiftungsaufsicht aufmerksam, aber er stand zu seiner Entscheidung. Ihm war es wichtig, dass die Stiftung unabhängig von ihm existieren kann. Er wollte nur den Grundstein für eine Stiftung legen, die später wachsen sollte und in die viele Freunde und Weggefährten ihr Vermögen bzw. Angespartes einbringen sollten.

Bis 2001 gestaltete Hannchen als Mitglied des Vorstandes selbst aktiv die Arbeit und Ausrichtung der Stiftung. Nachdem er aus dem Vorstand ausgeschieden war, verfolgte er bis zu seinem Tod als kritischer Begleiter mit regem Interesse die Entwicklung der Stiftung. Seine tiefe Verbundenheit mit der Hannchen Mehrzweck Stiftung kommt nicht zuletzt dadurch zum Ausdruck, dass er die Stiftung an erster Stelle in seinem Testament bedachte.

Für uns beginnt nun eine neue Zeit. Hannchen wird uns fehlen! Hannchen war der Motor und die Seele der Stiftung. Vor allem werden wir seine unermüdlichen Aktivitäten vermissen, nicht zuletzt seine kontinuierlichen Bemühungen um Spenden und Zustiftungen bei Freunden und Bekannten.

Unser zentrales Anliegen ist es, das Vermächtnis von Hannchen in seinem Sinne zu erfüllen: einerseits durch unsere Vergabepolitik dafür zu sorgen, dass möglichst innovative Projekte gefördert werden, welche die Emanzipation von Schwulen und Lesben ein Stück weiter bringen. Und andererseits uns dafür engagieren, dass das Stiftungsvermögen weiter wächst, dass sie in Zukunft für alle Schwulen Lesben einen sehr wichtigen Stellenwert bekommt und dadurch viele Aktivitäten gefördert werden, die sonst nicht möglich wären. Dabei wird uns aber immer in Erinnerung bleiben, wer den Grundstein hierzu gelegt hat: Hannchen Mehrzweck!!

Der Vorstand der Hannchen Mehrzweck Stiftung
Rena Friedrich, Klaus Müller, Karen Nolte, Josef Schnitzbauer

Der Beirat der Hannchen Mehrzweck Stiftung
Martin Dannecker, Michael Holy, Michael Kloss, Dieter Schiefelbein


Nachruf auf Andreas Meyer-Hanno
von Hans-Peter Hoogen

Frankfurt, 10. September 2006

Meine Lieben.

Professor Andreas Meyer Hanno ist vorigen Donnerstag im Alter von 74 Jahren nach langer Krankheit verstorben.

Andreas war und bleibt ein Vorbild für gelebte Nächstenliebe.

Als Kind hat er die unmenschliche Judenverfolgung des nationalsozialistischen Gewaltherrschaft durch- und überlebt. Danach hat er die bleierne Zeit der 50er und 60er Jahre erlebt und nach persönlichen und beruflichen Auswegen und Freiräumen in dieser Zeit der Strafverfolgung und gesellschaftlichen Diskriminierung der Homosexuellen gesucht. Seine berufliche Erfüllung hat er in seiner Arbeit als Regisseur von mehr als 100 Opern und in seiner Arbeit mit seinen Studenten als Musikprofessor gefunden.

Sein Vermögen hat er seit 1980 in den Dienst der Homosexuellen Selbsthilfe gestellt und dann Anfang der 90er Jahre die Hannchen Mehrzweckstiftung zugunsten von schwulen und lesbischen Projekten gegründet. Er war Initiator, Motor und Unterstützer folgender Projekte, deren Ziel die Unterstützung der schwulen und lesbischen Gemeinschaften war und ist:

  • die legendäre Theatergruppe Die Maintöchter mit ihren wegweisenden Stücken in den 80er Jahren,
  • die AIDS-Hilfe Frankfurt und die Kochgruppe auf der AIDS-Station 68 der Uniklinik Frankfurt,
  • das Figurentheater Klappmaul,
  • die Initiative Mahnmal Homosexuellenverfolgung ,
  • das Cafe Switchboard der AIDS-Hilfe,
  • das Lesbisch Schwule Kulturhaus Frankfurt,
  • das Projekt AltenpfleGAYheim für alte Schwule und Lesben,
  • das zentrale Denkmal für die verfolgten Schwulen und Lesben in der Zeit des Nationalsozialismus

... und die unzähligen anderen Projekte, die in den Genuß der Förderung duch seine Homosexuelle Selbsthilfe und seine Stiftung gekommen sind.

Mit seinem Tod haben wir alle einen wunderbaren Menschen verloren. Behalten wir ihn in unserer Erinnerung!

Herzliche Grüße Hans-Peter Hoogen


Nachruf auf Andreas Meyer-Hanno
von Klaus Stehling für die AIDS-Hilfe Hessen

Frankfurt am Main, September 2006

Liebe KollegInnen,

soeben erfahre ich, dass Hannchen Mehrzweck (Prof. Dr. Andreas Meyer-Hanno) nach langer Krankheit heute im Frankfurter Markus-Krankenhaus verstorben ist.

Er war nicht nur vom Äußerlichen her ein markanter Kopf. Sein Engagement für die Schwulenbewegung, der er über Jahrzehnte eng verbunden war, hat er mit einem aufrechten Gang und einer großen Menschlichkeit und Wärme zu verbinden gewusst, die man immer wieder auch in der persönlichen Begegnung mit ihm erfahren durfte. Er hat dieser Haltung nicht zuletzt durch die Gründung der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung einen bleibenden und wirksamen Ausdruck verliehen.

Andreas wurde für sein Engagment mehrfach ausgezeichnet. Er erhielt 1993 die Römer-Plakette der Stadt Frankfurt, und den Preis Rosa Courage in Osnabrück. Am 15. Dezember 2000 wurde ihm für die Verdienste um die Schwulenemanzipation und sein Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Persönlich sehr berührt hat mich seine Vortragskunst. Immer in Erinnerung bleiben wird mir seine autobiografische Schilderung des schwulen Lebens in der Adenauer Zeit (Im gleichen Tritt die Treppe rauf und seine Cole Porter-Interpretationen mit denen er mein (musikalisches) Leben nachhaltig bereichert hat.Every time, we say good bye, I die a little....

Herzlich grüßt Euch Klaus Stehling


Nachruf auf Andreas Meyer-Hanno
von Bernd Aretz für HINNERK

September 2006

Ich bin am glücklichsten, wenn ich was auf die Beine stellen kann und wenn ich, bewehrt mit dem Jugendherbergsausweis, Schlafsack und Motorroller durch irgendeine Landschaft brausen kann.

Bewegt hat Prof. Dr Andreas Meyer-Hanno, Opernregisseur und Hochschullehrer eine Menge. Andreas, Gründer der Homosexuellen Selbsthilfe und der Hannchen Mehrzweck Stiftung, Mitinitiator des Mahnmals für die homosexuellen Opfer der Nazis in Frankfurt und Förderer des Gedenksteines im KZ Buchenwald, prägte als Mann im zweiten Glied die Schwulenbewegung mit. Gedenken war ihm wichtig.

Der 1932 in Berlin in eine künstlerische, dem Widerstand verbundene Familie geborene wurde in der Nazizeit wegen seiner jüdischen Mutter diskriminiert. Seine Versuche, als junger Mann sexuelle Beziehungen zu Frauen aufzunehmen, scheiterten, was ihn in die Asexualität und Depressionen trieb bis ihm auf einer Exkursion der Uni die Augen eines Amerikaners folgten. Die ganze Nacht unter zwei Regenschirmen immer wieder um Bayreuth wandernd führte dieser Mann mit ihm das entscheidende gay counseling–Gespräch. Er sagte: Was heißt 'normal'. Du bist so, wie Du bist. Und das Gescheiteste ist, dass Du das mal akzeptierst. Das war damals so etwas Lebensrettendes.

Der ersehnte Lastwagenfahrer für das traute Heim stellte sich zwar nicht ein, aber lebenslange Freundschaften und ein immerwährendes Engagement für homosexuelle Männer und lesbische Frauen. Dafür schränkte er sich in seiner Lebensführung ein. Die Begegnungen mit Menschen waren ihm wichtiger als Sekt zu schlürfen und die Nerzjäckchenkultur. Dazu gehörten seine Auftritte bei den Maintöchtern des Frankfurter Schwulenzentrums und feinsinnige lebendige Vorträge, etwa über Cole Porter, Balladenabende und viele Diskussionen darüber, wie der Schwulenbewegung Schwung zu verschaffen ist. Damit hat er vielen jungen Schwulen die Altvorderen nahe gebracht.

Er starb am 7. September in Frankfurt. Seine Wärme, Humor und Begeisterungsfähigkeit zeichneten ihn aus.


Nachruf auf Andreas Meyer-Hanno
von Ulrich Bachmann
Leiter des Referates für die Gleichstellung von Lesben und Schwulen im Hessischen Familienministerium

Dienstag, 12. September 2006

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großem Bedauern und tiefer Bestürzung haben wir die Mitteilung entgegengenommen, dass der Opernregisseur, Hochschullehrer und Aktivist der Schwulenbewegung, Prof. Dr. Andreas Meyer-Hanno, am 7. September 2006 nach schwerer Krankheit im Alter von 74 Jahren in Frankfurt am Main verstorben ist.

Prof. Meyer-Hanno war zwischen 1959 und 1976 als Regisseur am Opernhaus in Wuppertal und anschließend an den Staatstheatern in Karlsruhe und Braunschweig als Oberspielleiter tätig. 1976 erfolgte der Ruf auf eine Professur an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main.

Seit 1973 engagierte sich Prof. Meyer-Hanno in der Schwulenbewegung. 1978 gründete er mit anderen Aktivisten das Frankfurter Schwulenzentrum Anderes Ufer, die schwule Theatergruppe Die Maintöchter und den Verein Homosexuelle Selbsthilfe e.V.. Auf seine Initiative geht auch das 1994 errichtete deutschlandweit erste Mahnmal Homosexuellenverfolgung am Klaus-Mann-Platz in Frankfurt am Main zurück.

1991 stiftete er sein gesamtes Privat-Vermögen derHannchen-Mehrzweck-Stiftung, die seitdem erfolgreich lesbische und schwule Emanzipationsprojekte unterstützt.

Meyer-Hanno hat die hessische Lesben- und Schwulenpolitik aktiv mitgestaltet und war ein kreativer Teilnehmer des seit 1997 im Hessischen Sozialministerium regelmäßig zusammentretenden Runden Tisches der hessischen Lesben- und Schwulengruppen.

Prof. Meyer-Hanno ist seit 1993 Träger der Römerplakette der Stadt Frankfurt am Main und des Osnabrücker Schwulenemanzipationspreises Rosa Courage.

Am 15. Dezember 2000 verlieh ihm Bundespräsident Johannes Rau für sein Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz.


Nachruf auf Andreas Meyer-Hanno

8. September 2006

Das wissenschaftlich-humanitäre komitee (whk) trauert um sein an den Folgen von AIDS verstorbenes Fördermitglied

Am 7. September 2006 verstarb Professor Dr. phil. Andreas Meyer-Hanno im Alter von 74 Jahren in einem Krankenhaus in Frankfurt am Main. Damit vollendete sich das Leben eines herausragenden Vertreters der Zweiten deutschen Schwulenbewegung.

Den Lebensweg und die politische Vita des Sohnes einer Berliner Künstlerfamilie – seine Mutter Irene Meyer-Hanno (geb. Sager) war Pianistin, der Vater Hans Meyer-Hanno Schauspieler – prägten frühe Erfahrungen im Nationalsozialismus: Wegen der Herkunft der Mutter wurde der Junge gemäß der NS-Rassenideologie zum Halbjuden abgestempelt. Wie der bei den Gruppen Rote Kapelle und Revolutionäre Arbeiter und Soldaten aktive Vater, ein Kommunist, nahm auch sie am antifaschistischen Widerstand teil. Die Gestapo nahm Hans Meyer-Hanno erstmals 1943 auf der Bühne des Berliner Schillertheaters fest und am 22. Juli 1944 erneut in Haft, 1945 wurde er im Zuchthaus Bautzen ermordet.

Diese Diskriminierungserfahrungen fanden für Andreas Meyer-Hanno ihr Echo in der postnazistischen Bundesrepublik mit ihrem zum größten Teil aus der Nazi-Zeit übernommenen Beamten- und Justizapparat sowie dem in der verschärften NS-Fassung weiter geltenden und massenhaft angewandten Schwulenparagraphen 175 des Strafgesetzbuchs. In jener Zeit bot allenfalls der Kulturbetrieb homosexuellen Männern ein gewisses Refugium, so auch dem studierten Musik- und Theaterwissenschaftler sowie promovierten Opernregisseur ab 1956 in Wuppertal und ab 1964 in Karlsruhe. Nach vierjährigem Engagement am Staatstheater Braunschweig – in dieser Stadt hatte er 1973 eine der ersten Homosexuellengruppen der Bundesrepublik, die Homosexuelle Aktion Braunschweig (HAB), mitgegründet – erhielt er 1976 einen Ruf an die Frankfurter Musikhochschule.

In der hessischen Metropole setzte Hannchen, wie er sich von seinen Freunden nennen ließ (Hannchen ist sächlich!) sein politisches Wirken im Schwulenzentrum Anderes Ufer, später dem Lesbisch-schwulen Kulturhaus und beim Tuntenensemble Die Maintöchter fort. Im Jahre 1980 initiierte er den Verein Homosexuelle Selbshilfe (HS e.V.), der zunächst insbesondere Rechtshilfe und soziale Betreuung für weiterhin nach dem §175 verfolgte und inhaftierte Männer organisierte und heute vorwiegend Projekte aus der Lesben- und Schwulenszene finanziell fördert. Als Schwester der HS e.V. gründete er 1991 die gemeinnützige Hannchen-Mehrzweck-Stiftung (HMS), in die er nahezu sein gesamtes Privatvermögen fließen ließ. Auch der Frankfurter Engel, das 1994 errichtete Denkmal für die homosexuellen NS-Opfer an der Schäfergasse (heute Klaus-Mann-Platz), geht auf sein maßgebliches Betreiben zurück.

Als Aktivst, der die Anfänge der AIDS-Krise und ihre drastischen gesundheitlichen Konsequenzen wie politischen Bedrohungen für schwule Männer – Stichwort Zwangsmaßnahmenkatalog – miterlebte, ging Andreas Meyer-Hanno schon früh offensiv mit seiner eigenen HIV-Infektion um und thematisierte sie als long time survivor auch im Rahmen seiner Vortragstätigkeit, die er seit den 90er Jahren intensivierte.

Im Jahr 2000 trat Andreas Meyer-Hanno als Fördermitglied dem wissenschaftlich-humanitären komitee (whk) bei. Sein besonderes Anliegen galt hierbei der Existenzsicherung des wichtigsten Projektes des whk, des sexualpolitischen Magazins Gigi, dessen materielle Basis er mit beträchtlichen jährlichen Überweisungen zu festigen half – sogar noch im Bewußtsein seines nahen Todes.

 
Hannchen Mehrzweck Stiftung
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